woanders

almost home / 24h im 25h

23/03/2014

Haltet mich für verrückt. Für was auch immer. Hinter mir lag in der vergangenen Woche ein aufregendes Wochenende. Der letzte Urlaub/Ausflug liegt lange zurück, der nächste ist noch nicht in Sicht. Freitag stand erneut ein medizinischer Eingriff an, nichts schlimmes aber notwendiges. Statt Krankschreibung habe ich mir den Tag freigenommen. Sonntags musste ich hingegen arbeiten. Die Ärztin sagte, ich solle was Schönes machen. Wir wollten wegfahren. Zwei Nächte an die See. Von wo aus der M Samstags tagsüber noch zur Arbeit konnte, während ich Strand und vielleicht Sonne genießen durfte. Das mit Samstags gestaltete sich dann aber doch schwieriger. Also nichts mit wegfahren. Aber ich sollte ja was Schönes machen. Kino (schon wieder…)? Party (und die Zeit davor…)? Also endlich mal wieder (schön) essen gehen. Ich bestellte einen Tisch für Freitag Abend im ‚Heimat‘, dem Restaurant im 25hours Hotel Hafencity. Für den Abend war ab 21h Live-Musik angekündigt und Hafen ist ja fast wie wegfahren. Ich war schon zweimal in dem Hotel. Einmal während eines Sonntagsspaziergangs zum Tee trinken, einmal auf einen wunderbaren Bloggerevent abends im Bereich der Hafensauna. Beides Mal dachte ich wie schön es wäre, einmal dort zu übernachten. Wenn die Zimmer nur halb so toll wären wie der Rest des Hotels. Mitten im Hafen. Mit Blick auf das maritim anmutende Geschehen des Nachts. Wogende Elbwellen. Tutende Schiffe. Der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Also überlegte ich, heimlich für den Freitag einfach ein Zimmer zu buchen. Allein schon die Idee war so aufregend, dass ich den ganzen Nachmittag an nichts Anderes mehr denken konnte. Ich malte mir aus, der Kellner bringt die Rechnung und ich sage – schreiben Sie es aufs Zimmer. Der Blick meines Gegenübers. Die Tatsache an sich. Großes Grinsen. Ich kam am Nachmittag nach Hause und wollte buchen. Da saß M, unglücklich, weil seine Idee nicht aufgegangen war. Auch er wollte buchen. Mich überraschen, weil er wusste, wie gerne ich einmal dort nächtigen würde. Ich hatte zwischendurch online Zimmer und Raten gecheckt, er gar mehrfach mit der Rezeption telefoniert. Nahezu ausgebucht. Restzimmer mit Fenster zum Hof. Schwankende Preise. Smart Deals. Messewochenende in Hamburg. Da saßen wir. Beide angeheitert durch die Idee, doch kein Zimmer in Sicht. Wir überlegten hin und her. Dachten an gespartes Geld, Zuhause ist es doch auch schön, wahrscheinlich war alles eh nur eine fixe Idee. Aber dann. Wir buchten. Für den Folgetag. Einchecken 15 Uhr. Den Tisch im Restaurant von Freitag auf Samstag verlegt.

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Der nächste Tag. Die Reise stand bevor. Urlaub in der eigenen Stadt. Ich kam mir vor wie auf der Flucht. Ich packte den Koffer. Was Schönes für Abends, Arbeitskleidung für den Tag drauf. Ich war aufgeregt. Kontrollierte dreimal ob der Herd aus ist, alle Fenster verschlossen sind. Brachte den Müll raus, versteckte den Laptop. Dann nahm ich den Koffer. Und den Bus. Das Hotel liegt 5 Stationen von uns entfernt. Einmal Umsteigen inbegriffen. Mitten im Trubel am Jungfernstieg, ziemlich bepackt. Was wenn mich jemand mir Bekanntes sieht. Erstmalig U-Bahn-Linie 4 fahren. Außer mir nur Touristen. Alle mit Stadtplan in der Hand. Ich nicht, ich kannte mich ja aus. Dachte ich. Als ich mir sicher war, Hafencity Universität aussteigen zu müssen. Das war falsch. Es folgte der Fußweg. Die einzige Regenwolke des Tages über mir. (Aufgewirbelter) Baustellen(-staub) rechts und links. Ein Korn in meinem Auge. Verschmierte Mascara. Schwitzend trotz starkem Wind den Weg zurücklegend. Wie im Urlaub, Umwege in Kauf nehmend. Am Hotel ankommend. Das Zimmer war auf M gebucht. Wir tragen nicht den gleichen Nachnamen. Mein Ausweis seit Februar abgelaufen. Hallo Dr. Kimble. Das Zimmer war noch nicht fertig.

Eins zum Hof schon. Ich wollte Hafenblick und bekam diesen für später zugesichert. Ich ließ meinen Koffer da, trug unsere Hamburger Adresse ein. Kam mir komisch vor. Die Rezeptionistin ließ sich nichts anmerken. Und dann ging ich zurück zur U-Bahn. Zur richtigen Haltestelle. Ohne Kleingeld für den Automaten. Kein Ort zum Wechseln weit und breit. Mir wurde ausgeholfen. Wieder am Jungfernstieg. Rein in die Geschäfte. Alles so absurd. Konnte weder shoppen noch entspannen. Ich ließ mich treiben bis zum späten Nachmittag. Dann zurück zum Hotel. Im Zimmer. Kennt ihr die Szene, wo Cate Winslet bei ‚Liebe braucht keine Ferien‘ das erste Mal das Tauschhaus betritt? Keine Villa, aber es war ähnlich aufregend. Ich tippelte auf der Stelle vor Freude, schaute in jeden Winkel der Kajüte. Mehr Liebe zum Detail geht nicht. Ein großer Reisekoffer. Logbuch mit Kapitänsgeschichten. Menükarte in Flaschenpost-Form. Kojenbett. Bestickte Kissen. Wärmflasche und Schlafschaf. Butter bei die Fische als Wandbild. Der leuchtende Globus den Weg zum nächsten Reiseziel weisend. Durst ist schlimmer als Heimweh, plakativ auf der Tür der Minibar. Astra-Dusche. Seemannsbraut-Zeichnung überlebensgroß. Strickleiter nach oben. Schöpfeimer für den Müll. Und vor dem Fenster in naher Ferne: erst die AIDA, Winkende beim Ablegen, Schiffshorn und Wendemanöver inklusive. Später dann die Lichter der Kräne. Ein Containerschiff. Das durchgängige Brummen der Hafenarbeiten gegenüber. Wir haben alle Gardinen aufgerissen, alles Licht gelöscht und bei jedem kurzem Aufwacher gemeinsam aus dem Fenster geluschert. Alles so stimmig und an den Rest des Hotels angepasst. Dort, wo die Kellner blauweiss-gestreifte Shirts tragen, wo Wasserstandsanzeigen den Pegel im Barbereich unterstreichen. Wo Hein und Fiete die Tapete zieren. Steuerräder an den Decken. Offene umfunktionierte Schiffscontainer bestimmen die Architektur. Bräute, Bojen, Bullaugen. Wo der Atari in die Daddelkiste einlädt, Platten in der Vinyllounge aufgelegt werden und mit Teppichen bestapelte Europaletten als Sitzbänke herhalten. Nach diesen Erlebnissen inklusive des eigentlichen Vorhabens, dem leckeren Abendessen im Restaurant ‚Heimat‘, mit entsprechend neu hinzugekommenen Frühstücksbuffet am Folgetag, war ich pünktlich um 12 Uhr im Büro. Immer noch völlig beseelt und in mich hinein grinsend. Die Antwort auf die Frage meiner Kollegen, wie denn so mein Samstag war… wir haben was (verdammt) Schönes gemacht!

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4 Comments

  • Reply Mo 23/03/2014 at 21:41

    Julia – ich bin gerade durch deinen Beitrag gerast. Bin hin und weg… von der Geschichte, deinem Schreibstil, der Poesie. Hach! Lieber Gruß von Mo

  • Reply Sabine 24/03/2014 at 07:24

    Wundervoll! Wir sollten den Alltag viel öfter überlisten … Herzlich, Sabine

  • Reply Sandra 24/03/2014 at 08:23

    Darüber habe ich vor Kurzem auch nachgedacht – Urlaub im Hotel in der eigenen Stadt. Danke für die wunderbare sprachverzauberte Erinnerung!

  • Reply Martin 24/03/2014 at 10:58

    Hi Julia,
    schöner Bericht! Vom 25h hab ich nun schon ein paar Mal gehört. Muss beim nächsten Mal Hotel buchen unbedingt schauen, ob's in der Zielstadt auch eins gibt. 🙂
    Lieben Gruß,
    martin

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